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Bildhauer, Maler und Poet - Gustav Eberlein Forschung - private Homepage von Prof. Rolf Grimm

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b"Wer hat das größte Kunstverständnis?" - "Wer am schnellsten durch die Siegesallee läuft!"

Kunst(un-)verständnis(1) von Kaiser Wilhelm II

Inhalt dieser Seite

  1. Cäsarenwahnsinn - Rinnsteinrede

  2. Tondokument - Hunnenrede (vgl. hierzu: Video unten)

  3. Uta Lehnert: Der Kaiser und die Siegesallee

  4. Das Menschenbild Kaiser Wilhelm II - Zitate nach C.G. Rühl

  5. Simplicissimus - Kunstkritik

  6. Einweihung einer Gedenktafel in Kronberg Taunus - Pomp und Gloria

 

1. Cäsarenwahnsinn (2) bestimmt Kunst und Kultur
(
vgl. auch LeMO: Kaiserreich - Kunst und Kultur)

  • "Eine Kunst, die sich über die von Mir* bezeichneten Gesetze und Schranken hinwegsetzt, ist keine Kunst mehr, sie ist Fabrikarbeit, ist Gewerbe, und das darf die Kunst nie werden.
    Mit dem viel mißbrauchten Wort Freiheit und unter seiner Flagge verfällt man gar oft in Grenzenlosigkeit, Schrankenlosigkeit und Selbstüberhebung.
    Wer sich aber von dem Gesetz der Schönheit und dem Gefühl für Ästhetik und Harmonie, die jedes Menschen Brust fühlt, ob er sie auch nicht ausdrücken kann,
    loslöst und in Gedanken in einer besonderen Richtung, einer bestimmten Lösung mehr technischer Aufgaben die Hauptsache erblickt, der versündigt sich an den Urquellen der Kunst.

    Aber mehr noch: Die Kunst soll mithelfen, erzieherisch auf das Volk einzuwirken, sie soll auch den unteren Ständen nach harter Mühe und Arbeit die Möglichkeit geben, sich an den Idealen wieder aufzurichten.
    Uns, dem deutschen Volke, sind die großen Ideale zu dauernden Gütern geworden, während sie anderen Völkern mehr oder weniger verloren gegangen sind.
    Es bleibt nur das deutsche Volk übrig, das an erster Stelle berufen ist, diese großen Ideen zu hüten, zu pflegen, fortzusetzen, und zu diesen Idealen gehört,
    dass wir den arbeitenden, sich abmühenden Klassen die Möglichkeit geben, sich an dem Schönen zu erheben und sich aus ihren sonstigen Gedankenkreisen heraus- und emporzuarbeiten.

    Wenn nun die Kunst, wie es jetzt vielfach geschieht, weiter nichts tut, als das Elend noch scheußlicher hinzustellen, wie es schon ist, dann versündigt sie sich damit am deutschen Volke."

    Auszug aus der Rede Kaiser Wilhelms II anläßlich der Eröffnung der Siegesallee vom 18.01.1901 (später als "Rinnsteinrede" bekannt)
    *Selbstverständnis des absolutistischen Herrschers, als Präambel jeder Gesetzesverordnung: "Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen..."

2. Hunnenrede

  • Das "erste"* politische Tondokument ( youTube) lässt "originäre" Eindrücke über die "Lebensweisheiten" und das "Deutschsein" Kaiser Wilhelms II (2a)  zu. Sein Verständnis von Kultur und Kunst sind in ihrer einfachen Struktur deutlich herauszuhören.
    *sollte die Authentizität der Aufzeichnung der "Hunnenrede" verifiziert werden, dürfte dies als erstes Politisches Tondokument gelten.

3.Ute Lehnert: Der Kaiser und die Siegesallee

  • "Die von der Autorin ausführlich zitierten Kritiker stießen sich an der Serienmäßigkeit der Herrscherfiguren, die die Beine mal so und mal anders stellten, aber irgendwie austauschbar waren. Der Karikaturist Olaf Gulbransson faßte den Unmut in einer Zeichnung zusammen, auf der ein Bildhauer mit alleruntertänigstem Dank den Auftrag für „noch mal Friedrich der Große, drei Kurfürsten und fünf Zentner Reichsadler“ entgegennahm. (3) Der Leser erfährt an anderer Stelle von den Nöten, die die Bildhauer bei der Darstellung ihrer Helden hatten. Beinamen früherer Herrscher wie Heinrich das Kind, Otto der Faule oder Waldemar der Große, mittelalterliche Siegel, Urkunden und Zeichnungen von fragwürdiger Authentizität sowie ein blühender Legendenschatz gaben letztlich nur spärliche Anhaltspunkte dafür, wie der Betreffende wohl ausgesehen haben mag. Bei Potentaten der Neuzeit besaß man wenigstens Porträts. Weil von Albrecht dem Bären nur ein Siegel existierte, „das ebensogut ein Pfund Wurst wie ein Gesicht darstellen konnte“, schaute der Bildhauer Walter Schott „ein ganz klein bißchen in den Spiegel“ und kopierte sich selbst, und auch August Kraus half sich, indem er den überaus populären Zeichner Heinrich Zille für die Büste des Ritters Wedigo von Plotho, genannt „der Bauernschlächter“, Modell sitzen ließ. Andere Künstler griffen auf Klischees zurück und erfanden dicke Bischöfe, asketische Mönche und martialische Militärs. Beim Denkmal Friedrichs des Großen vereinte man auf der gleichen Bank den Feldherren Graf Schwerin und Johann Sebastian Bach, wissend, dass der Thomaskantor am Hofe des Flötenspielers nur eine Gastrolle gespielt hat.
    Uta Lehnert kennt noch weitere Beispiele des laxen Umgangs mit den Fakten.

    Zum politischen und ideologischen Hintergrund für die marmorne Ahnengalerie schreibt die Verfasserin, Wilhelm II. habe als Enkel des Reichsgründungskaisers Wilhelm I. versucht, mit beachtlichem Einsatz durch persönliche und bildliche Anwesenheit in dem innerlich noch nicht gefestigten Reich und in der durch soziale Gegensätze gespaltenen Gesellschaft als unabhängige Instanz über den Parteien zu stehen und sich als Integrationsfigur allen Deutschen anzubieten. Mit außenpolitischen Fehlentscheidungen und provozierend martialischem Auftreten allerdings habe er das Ausland verunsichert und dem Ansehen des Deutschen Reiches geschadet. „Die Weckung und Erhaltung von Sympathien für den monarchischen Gedanken war daher also bittere Notwendigkeit. Die immensen Anstrengungen des Kaisers auf diesem Gebiet werden hier mit dem Schlagwort ,réclame royale‘ zusammengefaßt, was nicht nur als Reklame des Königs, sondern vor allem als Reklame für den König (bzw. die Monarchie) zu verstehen ist.“
    Als die Siegesallee (3a.) nach vielen Geburtswehen Ende 1901 endlich fertig war, war der Kaiser von der herausragenden Qualität der Bildhauerarbeiten begeistert. In 20 Goldmarkgrenzenloser  Selbstüberschätzung verglich der Monarch die „im direkten Verkehr des Auftraggebers mit dem Künstler“ gefertigten Herrscherfiguren mit den besten Schöpfungen der Renaissancezeit und warnte gleichzeitig vor „sogenannten modernen Richtungen und Strömungen“. Die im Wortlaut zitierte und auf ihren Inhalt analysierte Ansprache vom 18. Dezember 1901 ging in die Geschichte als „Rinnsteinrede“ ein. In ihr hatte der Kaiser von der Kunst gefordert, sie möge „erheben“ und dürfe nicht in den „Rinnstein“ niedersteigen. "

aus:
Uta Lehnert: Der Kaiser und die Siegesallee Réclame Royale. Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1998, S.414

4. Das Menschenbild Kaiser Wilhelm II

 

Zitate die das Menschenbild Kaiser Wilhelms II skizzieren:
(John C. G. Röhl, Eine Studie über Cäsarenwahnsinn)

  • Wütend eines Trambahner-Streiks telegraphierte der Kaiser an den Kommandeur von Berlin:
    "Ich erwarte, daß beim Einschreiten der Truppe mindestens 500 Leute zur Strecke gebracht  werden."(Ebdd. S16)

  • Am Silvesterabend 1905 schrieb Wilhelm II an Reichskanzler von Bülow:
    "Erst die Sozialisten abschießen, köpfen und unschädlich machen, wenn nötig per Blutbad,  und dann Krieg nach außen, aber nicht vorher und nicht a tempo.""') Nach Hindenburgs Tod rief er aus, in Erwartung seiner Restauration: "Blut muß fließen, viel Blut, bei den Offizieren und den Beamten, vor allem beim Adel, bei allen, die  mich verlassen  haben:' /1) (Ebdd.S. 16)"(4)

  • "Bismarck sagte einem  Münchener Zeitungsredakteur nach  seiner  Entlassung, er  habe nur deswegen  im  Amte bleiben wollen, weil er kurz  nach dessen  Thronbesteigung aufgrund ärztlicher Gutachten "die nicht normale Geistesverfassung des Kaisers" erkannt hatte und Deutschland vor einer Katastrophe bewahren  wollte." (Ebdd. S.23)

  • "Der abnorme Geisteszustand, der von so vielen Zeitgenossen wahrgenommen  wurde, ist also in seinen Grundzügen hier  bereits klar erkennbar. Wenn wir jetzt noch bedenken, welche Auswirkung auf einen solchen Menschen die enorme Machtfülle der Kaiserwürde, die Manipulationen der Bismarckfamilie und der  preußischen Armee, der Byzantinismus der Höflinge und der unrerflektierte Jubel der Massen haben mußten, so ist Ludwig Quiddes Bezeichnung "Cäsarenwahnsinn" gar nicht schlecht gewählt." (Ebdd. S. 36)

5. Simlpicissimus

Im Simplicissimus wird das Kunstverständnis der Zeit und des Kaiser´s entsprechend gewürdigt:

simplisimplisimpli

Simplicissimus Jahrgang 6, Ausgabe 42 vom 07.01.1902, S. 3,5,8 direkter Link zur Online Ausgabe

simplisimplisimpli

Simplicissimus Jahrgang 6, Ausgabe 43 vom 14.01.1902, S. 3,5,8 direkter Link zur Online Ausgabe

 

6. Gedenktafel in Kronberg

Ein Filmdokument (Deutsches Filminstitut) vom 18.Juni 1904 zeigt Kaiser Wilhelm II wie er in Kronberg/Taunus eine Gedenktafel einweiht.

(1)vgl. hierzu Spiegel Online, "Hunnenrede" unten auf der Seite: Video mit der unredigierten Fassung als Tondokument; es gibt Zweifel an der Authentizität dieser Tonaufzeichnung: - das "deutsche Wesen"
(2)vgl. Ludwig Quidde, Der Cäsarenwahnsinn

(2a)(vgl. Norbert Elias, Studien über die Deutschen - zur Wurzel der Entzivilisierung)

(3)welche Problematik für den Künstler selbst aus dieser Abhängigkeit vom kaiserlichen/öffentlichen Mäzenatentum entsteht, lässt sich wohl nur erahnen. Eberlein wird aufgrund dieser Obliegenheit in einer Ausgabe des Simplicissimus (1903, 8 Jg., Heft 30 Seite 242: hier als einzelne PDF-Seite extrahiert) Gegenstand einer Karikatur (Olaf Gulbransson).

(3a.) vgl. Kunst und Künstler 1904 (S. 85 - 88a)

(4)dem immer evidenter werdenden Militarismus und Chauvinismus (vgl. Röhl, Die Jugend... Wilhelm II im Briefwechsel mit seiner Mutter Victoria, ab Kapitel 9, S. 216ff) tritt eine große Friedensbewegung entgegen, mit der Eberlein zumindest sympathisierte:

"...darf man nicht außer Acht lassen, dass die deutsche Friedensbewegung damals einen so starken Zulauf hatte wie in keinem anderen Land. Am Sonntag, dem 20. August 1911, versammelten sich 100 000 Menschen zu einer Friedenskundgebung in Berlin, um gegen die riskante Politik der Großmächte während der Marokkokrise zu demonstrieren. Im Spätsommer kam es zu einer Welle ähnlicher Kundgebungen in Halle, Elberfeld, Barmen, Jena, Essen und anderen deutschen Städten. Den Höhepunkt bildete eine Mammutveranstaltung in Berlin am 3. September, als sich 250.000 Menschen im Treptower Park drängten. In den Jahren 1912/13 ebbte die Bewegung ein wenig ab, doch Ende Juli 1914, als der Krieg eindeutig bevorstand, wurden wiederum große Friedenskundgebungen in Düsseldorf und Berlin veranstaltet. Die deutsche Öffentlichkeit reagierte keineswegs, wie für gewöhnlich behauptet wird, mit einhelliger Begeisterung auf den Krieg. Im Gegenteil: In den ersten Augusttagen 1914 war die Stimmung gedrückt, ambivalent und an manchen Orten ängstlich...."

Christopher Clark, Preußen. Aufstieg und Niedergang;, S. 684ff.